Diese Terminologien wurde bei der Vorbereitung eines Workshops zusammengestellt, um Texte aus einem antisexistischem Zusammenhang für Menschen, die damit nicht unbedingt vertraut sind, leichter verständlich zu machen. Dabei repräsentieren diese Erleuterungen den damaligen Stand der Diskussion innerhalb der Vorbereitungsgruppe des Workshops.

Queer

Bedeutet im Englischen u.a. „fragwürdig“ oder „sonderbar“, diente aber hauptsächlich als Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher und sexueller Identifikation nicht entsprachen. Mittlerweile verwenden viele Menschen auch im deutschsprachigen Raum queer als positive Selbstbezeichnung. Queer ist an keine besondere Identität (wie Frau, Mann, hetero-, homo-, bi-, transsexuell etc.) gebunden, sondern lehnt starre Identitätskategorien ab.
Der Begriff queer wendet sich gegen die gesellschaftlichen Normen von Heterosexualität und die angeblich natürliche Ordnung von zwei Geschlechtern. Sexualität und Geschlecht werden nicht als natürlich angesehen, sondern als durch und durch von Machtverhältnissen beeinflusst und von diesen hervorgebracht, also kulturell produziert.

Als politische Protestbewegung bedeutet queer die Abkehr von einer an Toleranz und Minderheitenrechten orientierten Integrationspolitik. Zu Beginn entwickelte sich queer zu einer Bewegung, in der sich all diejenigen zusammenfanden, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht wurden. Neben dem Angriff auf den mittelständischen, weißen Mainstream wurde und wird außerdem Kritik an der lesbischen und schwulen Community geübt. Forderungen werden mit öffentlichen Aktionen untermauert die den an sich schon kämperischen Charakter der Begrifflichkeit queer unterstreichen. Queer-Politik ist der Versuch Bündnisse gegen die Herrschaft der Normierung und Hierarchisierung von Sexualität und Geschlecht nicht auf Identität, sondern auf politische Solidarisierung aufzubauen.
Queer ist kein geschlossenes Konzept, sondern offen, uneindeutig und entwickelt sich an seiner Kritik ständig fort – genau darin liegt sein radikales politisches Potential.

Geschlechtsidentität (gender identity)

Geschlecht, dem sich ein Individuum zugehörig fühlt.

Geschlechterrolle (gender role)

Verhaltensweisen, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten (und Individuen zugewiesen werden), oder die Verhaltensweisen eines Individuums, die dieses mit seiner Geschlechtsidentität in Verbindung bringt und/oder mit denen es seine Geschlechtsidentität zum Ausdruck bringen will.

Biologisches Geschlecht (sex)

Laut Alltagsmeinung gibt es genau zwei biologische Geschlechter, und jeder Mensch gehört qua Geburt durch Anatomie des Geschlechtsorgans, den Chromosomensatz, die hormonelle Grundausstattung, und die Beschaffenheit ihres/seines Körpers genau einem davon an. Jede und jeder wäre dementsprechend entweder Mann oder Frau. Doch auch das biologische Geschlecht existiert nicht als „natürliche“ unveränderbare Tatsache. Es ist ebenso wie Geschlechterrolle und –identität in gesellschaftliche Machtstrukturen eingebettet und sozial konstruierbar, was sich u.a. in der auch in Deutschland praktizierten Zwangsgeschlechtsangleichung von intersexuellen Menschen zeigt.

Transgender

Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht falsch oder unzureichend beschrieben fühlen oder auch jede Form der Geschlechtszuweisung- bzw. -kategorisierung grundsätzlich ablehnen.

Intersexualität

Bezeichnung für Menschen mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen.

Da in vielen Ländern Menschen sich in Alltagssituationen (z. B. Formulare) und aus bürokratischen Gründen („standesamtliches“ Geschlecht auf dem Personalausweis) auf eines der beiden „klassischen“ Geschlechter, also Frau oder Mann festlegen müssen, werden oft medizinische Eingriffe zur Geschlechtsfestlegung vorgenommen.
Dazu gehören die Anlage einer Neovagina im Kleinkindalter, die Beschneidung des Genitals auf eine eindeutige, meist weibliche Größe (insbesondere Klitorisverkleinerung) oder die Kastration.

Geschlechtsfestlegungen können, abgesehen von der kurzfristigen Schmerzhaftigkeit der Eingriffe, auch mittel- und langfristig zu physischen und psychischen Komplikationen und dauerhaften Schäden führen. Viele intersexuelle Menschen haben aufgrund der schmerzhaften Eingriffe körperliche Schäden davongetragen – etwa wenn sie aufgrund einer Verkleinerung die Sensibilität der Klitoris verlieren, wenn vernarbte Stellen bei sexueller Erregung zu Schmerzen führen oder wenn schon bei Kleinkindern die angelegte Neovagina – zum Teil bis ins hohe Alter – gedehnt werden muss. Auch werden durch Hormontherapie oft verschiedene Stoffwechselstörungen hervorgerufen. Erschwerend kommt die bisherige Praxis hinzu, derzufolge die Betroffenen und deren Angehörige nicht über das chromosomale Geschlecht informiert wurden; den Betroffenen werden vielfach die medizinischen Unterlagen vorenthalten, mit der Folge falscher medizinischer Behandlungen. Zu den psychischen Schäden gehören starke Traumatisierungen durch die Operationen und ihre Folgen.

Geschlechterdifferenz

Unterschied zwischen Mann und Frau. Wir stellen den in einer heteronormativen Gesellschaft als natürlich vermittelten Zusammenhang zwischen sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziale Geschelchterrolle) in Frage.

Heteronormativität

beschreibt ein „zweiteiliges“ Geschlechtssystem, in welchem lediglich genau zwei Geschlechter akzeptiert sind, und das Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung gleichsetzt.
Verhalten oder Gefühle, welche dieses System destabilisieren könnten, werden in vielen Fällen streng sanktioniert.

Außerdem beschreibt Heteronormativität das gesellschaftliche Ordnungssystem Heterosexualität. Diese Ordnung strukturiert nicht nur das Zusammenleben von Menschen, z. B. mit der Untergliederung in Kleinfamilie und der Definitionsmacht von monogamer Liebe und Begehren (Monogamie dabei nicht ausschließlich auf den Sexualakt bezogen), sondern strukturiert die gesamte Vorstellungswelt. (Beispielsweise in Form von binären Denkmodellen wie Mann/Frau, Kultur/Natur usw.)
Die Gleichsetzung von biologischem Geschlecht, Geschlechtsidentität, Geschlechterrolle und sexueller Orientierung hat in der Praxis für jene Personen, für die eben nicht in allen diesen Kategorien Übereinstimmung besteht zum Teil erhebliche Auswirkungen.

In der Praxis geht die Gesellschaft und auch jedes Individuum davon aus, dass ein bestimmtes, nicht näher bekanntes Individuum mit einem bestimmten Geschlecht auch bestimmte Verhaltensweisen zeigen wird beziehungsweise zeigen sollte. Entsprechend wird auch die Erziehung ausgelegt.
Das führt dazu, dass Nicht-Heterosexuelle ihre eigenen Gefühle als von den Erwartungen der Gesellschaft abweichend erleben oft verbunden mit dem Gefühl der Andersartigkeit und der Einsamkeit. Für die Betroffenen ist ein aktiver gedanklicher Schritt notwendig, um sich von den gesellschaftlichen Erwartungen zu emanzipieren.

In der heteronormativen Gesellschaft wird versucht, Intersexuelle, Homosexuelle und Transgender zu assimilieren.

Bei Intersexuellen werden häufig medizinische Eingriffe vorgenommen, die von vielen Betroffenen als Verstümmelung und/oder sexualisierte Gewalt empfunden werden. Diese Operationen dienen dazu, den Körper einem vorher zugewiesenen Geschlecht anzupassen. Oft wird dem Kind der Grund verschwiegen. Dies ist bis heute die Standardprozedur in Europa und Nordamerika. Ziel der Operationen ist es, die Normalität biologischer Zweigeschlechtlichkeit herzustellen und beizubehalten. Mit starkem sozialen Druck (von Eltern, Ärzt_innen, Lehrer_innen etc.) wird das Kind dazu gebracht, sich entsprechend diesem zugewiesenen Geschlecht zu verhalten.
Inzwischen nimmt allerdings die Kritik an solchen Eingriffen zu.

Lesbisches und schwules Verhalten wird häufig noch sozial sanktioniert, wenngleich gerade in westlichen Gesellschaften ein starker Umdenkprozess im Gange ist. Wenn solches Verhalten nicht soweit unterdrückt werden kann, dass es wenigstens aus den Augen der Öffentlichkeit verschwindet, wird die Annahme ermutigt, dass schwule Männer keine wirklichen „Männer“ sind, sondern eine starke weibliche Komponente haben (und umgekehrt) und/oder dass in einer lesbischen oder schwulen Partnerschaft immer eine/r der Mann (=aktiv) und eine/r die Frau (=passiv) ist.

Transgender-Verhalten wurde und wird pathologisiert (als krankhaft bezeichnet), je nach Land und Epoche auch soweit, dass Transgender routinemäßig in psychiatrischen Anstalten, seltener auch Gefängnissen, eingeliefert werden/wurden, oder ihnen wurde/wird das Lebensrecht gleich ganz abgesprochen.

HeteroSexismus

Eine Abwehrform, die jede nicht heterosexuelle Form von Identität, Verhalten, Beziehung oder Gemeinschaft branntmarkt, verleugnet und verunglimpft.
Heterosexismus konstruiert eine nicht zu hinterfragende Normalität, die sich auf Heteronormativität gründet. Heterosexuelle Lebensentwürfe und –weisen gelten als Norm, die z.B. lesbische und schwule Existenzen als Randerscheinung oder weniger „natürliches“ bzw. krankhaftes Phänomen, oder als bloße „sexuelle Vorliebe“ abtut.

Von Lesben und Schwulen, die sich in Bürgerrechtsbewegungen organisieren, wurde der Begriff Homophobie bald durch den Begriff Heterosexismus ergänzt, um auf Parallelen zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus hinzuweisen. Dadurch wird die ausgrenzende soziale und kulturelle Ideologie und die institutionelle Unterdrückung nicht-heterosexueller Menschen deutlicher betont, während der Begriff Heterosexismus eher auf Arroganz oder Chauvinismus als Ursache des ablehnenden Verhaltens verweist.

Homophobie/Homonegativismus

Homophobie beschreibt im Allgemeinen negative Einstellungen bis hin zu tätlichen Angriffen gegenüber Homosexuellen. Diese sehr weit gefasste Definition birgt die Gefahr, dass Homophobie generell als Synonym für offene Gewalt gegenüber einer lesbischen oder schwulen Person verstanden wird. Um die Dimension einer strukturellen Diskriminierung miteinzubeziehen, wurde neben dem Begriff Homophobie der des Homonegativismus in die Diskussion gebracht.

Homophobie beschriebe nach dieser Unterteilung einen konkreten Angriff, der sich gegen eine homosexuelle Person richtet.
Manche theoretische Ansätze beschreiben Homophobie, als eine emotionale Reaktion auf einen Menschen, der als lesbisch oder schwul wahrgenommen wird. Allein die Wahrnehmung einer nicht heterosexuellen Person löst Angst, Erregung sowie Wut aus und kann zu reflexhaften Reaktionen wie z.B. Gewalttaten führen. Dabei ist zu bemerken, dass in patriachalen Gesellschaften vor allem Schwulenhass verbreitet ist.

Homonegativismus bezeichnet dagegen eine eine geistige Haltung, die homosexuelles sowie queeres Zusammensein auf allen Ebenen gesellschaftlichen Zusammenlebens (juristisch, politisch, sozial und religiös) ablehnt, diskriminiert und in letzer Konsequenz keine Daseinberechtigung zugesteht.
Der Begriff Homonegativismus sagt also aus, dass sich eine Diskriminierung von Nicht-Heterosexuellen Menschen durch mehr als konkrete verbale oder körperliche Angriffe ausdrückt, und dass zur Rechtfertigung der Diskriminierung pseudorationale Erklärungsmodelle herangezogen werden. Gleichzeitig entkräftet er die begriffliche Nähe von Homophobie mit anderen Phobien (z. B. Klaustrophobie), die nahelegt, die/der „Betroffene“ leide unter einem krankhaften Zustand, trage also keine Schuld an ihrem/seinem sexistischen Verhalten („kann also nichts dafür, dass sie/er Schwule und Lesben einfach ekelig findet“).

Reproduktion

Unter Reproduktion werden alle Arbeiten im häuslichen Bereich verstanden, die notwendig sind, um einer Lohnarbeit nachgehen zu können. Dadurch entsteht eine Zweiteilung notwendiger Arbeit. Ein Teil, um im öffentlichen Raum, sprich „draußen“ zu produzieren und ein Gegenüber dieser produktiven Arbeit, nämlich den Teil wie Essen, Waschen, Pflege, Kindererziehung, etc. die nötig ist, um wieder „einsatzfähig“ für die (Lohn-)arbeit zu sein. Reproduktion kann auch mit Wiederherstellen/Regenerieren übersetzt werden. Reproduktion ist die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung bestehender sozialer, ökonomischer und ideologischer Herrschaftsverhältnisse. Diese Verhältnisse bestehen nicht einfach fort sondern müssen ständig reproduziert werden. Dazu gehören die Arbeitskraft und das Wissen. Entsprechend wird auch von der Reproduktion von sozialer Ungleichheit, von Macht, und Herrschaftsverhältnissen, Klassenstrukturen und eben des Patriarchats gesprochen. Als ein wichtiges Medium der sozialen Reproduktion, der Reproduktion sozialer Strukturen, gilt das Erziehungs- und Bildungssystem. Hier wird der Reproduktionsbereich insgesamt als ein vom Produktionsbereich abgetrennter sozialer Raum verstanden. Reproduktionsarbeit beinhaltet dann Tätigkeiten, die außerhalb des unmittelbaren Produktionsbereichs liegen, insbesondere die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Arbeitskraft, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Als reproduktive Tätigkeit gelten insbesondere Kinderbetreuung, -versorgung, und –erziehung, sowie Hausarbeit-Arbeiten und Beziehungsarbeit, die traditionell den Frauen zugeschrieben wurden. Aber auch in der Lohnarbeit werden von ihnen reproduktive „Fähigkeiten“ erwartet.
Der überwiegende Teil der reproduktiven Arbeit wird nicht bezahlt.
Die Trennungen in „privat“ und „öffentlich“, in Reproduktion und Produktion, sowie ihre jeweils gegensätzlichen Verhaltenszuschreibungen und Attribute, die in der gesellschaftlichen Wahrnemung mit jeweils positiv oder negativ wertenden Bedeutungen verbunden sind, sind als (Aus)Wirkungen der patriarchalen Gesellschaftform zu verstehen.

Begriffe zum Umgang mit sexualisierter Gewalt

„Sexualisierte Gewalt“oder „Sexuelle Gewalt“

Der Begriff „sexualisierte Gewalt“ berücksichtigt, dass sich Gewalt und Unterdrückung zwar häufig über sexuelle Handlungen ausdrückt, es dabei aber nicht um Sexualität und sexuelle Bedürfnissen und Befriedigungen geht, sondern um Ausübung von Macht und Gewalt. Sexualität wird als Form der Demütigung benutzt, durch die klare Machtpositionen hergestellt werden. Sie ist dabei nicht der Ursprung von Gewalt, sondern fungiert als Mittel zum Zweck. Sexualität wird deshalb so häufig als Mittel verwendet, weil damit die Selbstbestimmung über den eigenen Körper durch eine andere Person ausgehebelt wird. Der Begriff „sexuelle Gewalt“ legt hingegen nahe, dass die Sexualität im Mittelpunkt steht, darum geht es jedoch nicht.

„Betroffene_r“ oder „Opfer“

Der „Opfer“-Begriff ist zwar umgangssprachlich sehr häufig, beinhaltet jedoch eine unüberwindbare Passivität. In der ihm zugeschriebenen Eigenschaft scheint das Opfer keine Möglichkeit zu haben, aktiv über seinen Körper zu bestimmen und sich selbst einen Weg zur Heilung zu suchen, oder sich selbst Raum wiederzuerkämpfen.
Das Opfer wird somit in der Passivität belassen, und als unfähig erklärt, selbst zu formulieren, was es braucht.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen „Betroffene_r“ und Opfer, denn ein/e Betroffene_r kann selbst aktiv bestimmen, was sie/er will und wird durch die Benennung als Betroffene_r auch nicht zur Passivität und Ohnmacht verdammt.

Quellen

Annemarie Jagose:
Queer Theory. Eine Einführung
(Oktober 2005)

Re.ACTion
Antisexismus_reloaded
Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt- Ein Handbuch für die Antisexistische Praxis
(Unrast, April 2007)

Hans-Jürgen Voß
Queer zwischen Kritischer Theorie und Praxisrelevanz

Riki Wilchins
Gender Theory. Eine Einführung
(Querverlag, März 2006)