Der Redebeitrag des asab_m zum Thema Nachtleben und Definitionsmacht zur le monde est à nous Abenddemo am 30.04.2010.

Diese Demo ist heute Teil des Münchner Nachtlebens. Damit auch wir. Wir selbst definieren ein Stück des Nachtlebens. Wir nehmen uns den öffentlichen Raum dazu.

Nachtleben bedeutet Feiern, Hemmungen fallen, Grenzen werden überschritten, nicht nur in kommerziellen Clubs, sondern auch in linken Räumen. Das bedeutet, dass jede Party zum Spießrutenlauf werden kann und oft auch wird.
Du kommst auf eine Veranstaltung und wirst vor allem als Frau mit Kommentaren zu deinem Äußeren empfangen.
Du wirst auf der Party deiner Wahl respektlos behandelt: blöd angequatscht, angegraben und angefasst, ob du willst oder nicht und stehst damit erst mal alleine da. Dein Nein, deine Ablehnung, deine Selbstbestimmung werden übergangen. Deine Empfindungen haben keinen Platz im Partytrubel. Du schweigst deshalb viel zu oft resigniert. So ein Nachtleben wollen wir nicht mehr.
Das kann auch anders sein! Jede Person muss sich immer und überall frei bewegen können, ohne Angst, dass ihre Grenzen verletzt werden. Die Definition deiner Grenzen liegt ausschließlich bei dir selbst!

In Aufrufen, Reden oder Flyern wird Sexismus oft in einem Nebensatz abgehandelt. Sexismus ist aber keine Nebensache. Kommt er nur als Teil einer Aufzählung vor, wird das Bekenntnis zum Antisexismus zur hohlen Phrase.
Antisexismus fängt bei uns selbst an. In der Möglichkeit die eigene Privatsphäre selbst zu bestimmen und zu gestalten.
Grundlage für den Umgang mit Übergriffen ist für uns das Konzept der Definitionsmacht. Stell dir vor, es ist deine Sicht der Situation, die zählt, deine Realität, dein Leben. Es geht um dich!

Definitionsmacht

Übergriffe gehören zur Lebensrealität speziell von Frauen. Sexualisierte Gewalt spielt sich im Alltag vieler Menschen ab.
Die Betroffene und der Täter sind meistens Bekannte oder Freunde. Vielleicht hatten sie vorher auch eine freiwillige
sexuelle Beziehung miteinander.

Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt haben äußerst wenig mit Sexualität zu tun, sondern viel mehr mit Macht- und Kontrollbedürfnissen der Täter. Der Täter übergeht die Bedürfnisse der Betroffenen nach Distanz und Selbstbestimmung und er verletzt die persönlichen Grenzen der Betroffenen massiv.

Wir reden hier nicht nur von sexueller Belästigung oder Vergewaltigung, in der Form, wie sie strafrechtlich relevant sind, sondern von allen Grenzverletzungen, die viel zu oft nicht ernst genommen werden. Wenn es kein klares „Ja“ ist, muss es wie ein „Nein“ behandelt werden. Wer ein Nein nicht akzeptiert, ist ein Täter! Keine Rechtfertigung bergriffiger Handlungen mehr! Wir fordern aktive Solidarität mit der Betroffenen! Ihre Bedürfnisse müssen an allererster Stelle stehen!

Die Gesetzesregelung in der BRD gibt Frauen nach einem Übergriff nicht die Selbstbestimmung zurück. Durch den extrem unsensiblen Umgang bei der Aufnahme der Aussage, den Zwang zur genauen Darstellung des Tathergangs und körperlichen Untersuchung kann es zum Wiedererleben des Traumas kommen. Sie erlangt darüber mit Sicherheit nicht ihr Selbstwertgefühl und die ihr genommene Macht zurück. Einer betroffenen Person sollte zugestanden werden, einen Vorfall sexualisierter Gewalt selbst als Übergriff zu definieren, öffentlich zu machen und politisch zu thematisieren, ohne Beweise liefern zu müssen.

Die Betroffene entscheidet über den Umgang mit dem Täter und dem Geschehenen. Ihr Vertrauensumfeld solidarisiert sich mit ihrer Entscheidung und unterstützt sie bei der Umsetzung innerhalb der jeweiligen persönlichen Grenzen. Ohne Rückfragen. Die Anwesenheit des Täters oder des aktiven Täterumfelds stellt eigentlich immer eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Betroffenen dar. Lasst uns gegen diese Gefährdung einen privaten und politischen Schutzraum herstellen und durchsetzen. In Gefahrensituationen ist Selbstverteidigung immer legitim.

Definitionsmacht ist eine Maßnahme, die sich durch die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse begründet.
Definitionsmacht muss als politische Entscheidung im Kampf gegen Sexismus & Patriarchat verstanden werden.
Definitionsmacht ist notwendig und alternativlos, solange wir in gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnissen leben.
Emanzipatorisches Handeln heißt, die bestehenden Unter- drückungsverhältnisse anzugreifen! Aufzubrechen! Überwinden! Wir wollen eine Welt, in der solche Konzept für ein selbstbestimmtes Leben nicht notwendig sind!

Take back the night!

Le monde est à nous! Die Welt gehört uns!