Redebeitrag von Kofra

Abtreibung ist Frauenrecht

38 Jahre Kampf um Selbstbestimmung für Frauen, um Abschaffung des §218

Heute ist es 38 Jahre her, dass Frauen sich massenhaft aufmachten, um für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen! Dazu gehört die ersatzlose Streichung des §218, die Beendigung der Kriminalisierung von Abtreibung, die Kontrolle über den eigenen Körper, das eigene Leben!
Bereits die erste Frauenbewegung bekämpfte das 1871 eingeführte Abtreibungsverbot. 100 Jahre später haben sich 374 Frauen im Stern öffentlich bekannt, abgetrieben zu haben, um das Verbot endlich aufzuheben. Die Aktion fand ein enormes Echo und löste eine breite Solidarisierung für die Forderung nach Abschaffung des §218 aus, nach Beendigung heimlicher, illegaler und gesundheitsgefährdender Abtreibungen.
Die „Aktion 218“ hier in München war die aktivste Gruppe in der Bundesrepublik. Polizei und Justiz waren umgekehrt hier die Repressivsten: Sie reagierten mit Hausdurchsuchungen und Vorladungen. Am 22. Juni 1971 stürmte um 6 Uhr früh die Polizei die Wohnungen zweier Aktivistinnen und beschlagnahmten rund 2000 Solidaritätserklärungen und 150 Selbstbezichtigungen. Sie wollte einschüchtern, aber Fehlanzeige!
Das Thema hatte enorme Sprengkraft. Die Frauen begriffen, dass das Abtreibungsverbot den zentralen Punkt patriarchaler Dominanz und Fremdbestimmung darstellt. Sie begannen, sich über ihre gesellschaftlichen Erfahrungen und Analysen auszutauschen, Selbsthilfe- und Aktionsgruppen, Frauenzentren und Frauenprojekte zu gründen. Die zweite Frauenbewegung war geboren!
Die Gedanken und Forderungen der aktiven Frauen radikalisierten sich rasch. Der Wille, sich von patriarchaler Bestimmungsmacht zu befreien, über ihren Körper, ihr Leben, ihre Identität selbst zu bestimmen, war unbändig. Die katholische Kirche versuchte, mit ihrer „Aktion für das Leben“ diese Entwicklung aufzuhalten, die Frauen wieder zurückzudrängen. Gegen eine Kundgebung von Kardinal Döpfner 1973 auf dem Odeonsplatz zur Beschimpfung abtreibender Frauen als „Mörderinnen“ gab es heftigen Protest der Frauen. Die Polizei schützte die frauenfeindliche Kirche und verhaftete 50 der Protestierenden.
Doch die Aktivistinnen ließen sich nicht einschüchtern, für ihr Frauenrecht zu kämpfen. Sie richteten Beratungsdienste ein, vermittelten Abtreibungsadressen – vor allem in Österreich und Holland – , informierten über Verhütungsmittel, demonstrierten zu Tausenden auf den Straßen und Plätzen, agitierten mit phantasievollen Kundgebungen z.B. auf dem Münchner Marienplatz.
Der Druck auf die Politik war erfolgreich: 1974 beschloss der Bundestag die Fristenlösung, freie Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche. Aber die CDU/CSU klagte beim Bundesverfassungsgericht dagegen und heraus kam 1976 die Indikationslösung mit Zwangsberatung: Abtreibung blieb strafbar, wurde durch Nachweis einer „Notlage“ aber nicht strafverfolgt. Das war eine heftige Niederlage für die Aktivistinnen und alle Frauen in der BRD. Das neue Gesetz schuf eine unwürdige, demütigende Prozedur für die betroffenen Frauen, besonders schlimm in Bayern, in Berlin dagegen gab es eine sehr liberale Handhabung. Hier in Bayern weigerten sich viele ÄrztInnen und Krankenhäuser, die Abtreibungen durchzuführen, kirchliche Beratungsstellen übten Druck auf die ratsuchenden Frauen aus, das Kind auszutragen. Wieder mussten Fahrten nach Wien organisiert werden, um den Frauen zu helfen, die massenhaft in das Frauenzentrum strömten.
Die Situation war skandalös! Feministinnen begannen über alternative, natürliche Abtreibungsmethoden zu forschen, suchten nach dem verloren gegangenen Wissen. Abtreibungskliniken in Frauenhand wurden angedacht, junge Ärztinnen ließen sich in Holland, Italien und Frankreich in der schonenden Absaugmethode ausbilden. Doch die tollen Pläne wurden nicht umgesetzt: es fehlte an Mut, Unterstützung und Geld. Eine historische Chance war vertan. Viele Aktivistinnen wandten sich vom Kampf gegen den §218 ab und ihren individuellen Befreiungsstrategien zu. Eine liberalere Handhabung des §218 setzte sich bundesweit durch und nahm den Handlungsdruck gegen das Abtreibungsverbot.
Erst nach der Wiedervereinigung kam ein neuer Vorstoß : 1992 wurde die Fristenlösung noch einmal beschlossen. Aber wieder klagte die CDU/CSU und erreichte, dass eine „Austragungspflicht“ der Frau weiterhin besteht, eine Abtreibung nach Zwangsberatung innerhalb der ersten 12 Wochen zwar rechtswidrig, aber nicht strafbar ist.
Ein Desaster für Frauen in Deutschland, während die umliegenden europäischen Staaten längst die Fristenlösung haben. Hier aber wollen Kirche und CDU/CSU mit allen Mitteln die Macht über den Frauenkörper, über die Gebärfähigkeit der Frau behalten, sie an einem selbstbestimmten Leben hindern. Der Schutz des ungeborenen Lebens wird über den des geborenen Lebens gestellt. Das Leid der Frauen mit ungewollten Schwangerschaften interessiert sie nicht, Kinder, die nicht gewollt sind und nicht ausreichend versorgt werden können, interessieren sie nicht. Doch wenn Frauen ihre Neugeborenen töten, weil sie keinen Ausweg wissen, ist das Geschrei groß und die Strafe hart!
Zwang, Angsterzeugung, Demütigung und Bestrafung sind Mittel patriarchaler Herrschaft des 19. Jahrhunderts. Wir befinden uns aber im 21. Jahrhundert, in dem weltweit für Frauenrecht als Menschenrecht gekämpft wird. Wir fordern: Befreiung von Mutterpflicht, Beendigung von Zwangsmutterschaft, von Sexual- und Lebensfeindlichkeit, Selbstbestimmung des Frauenlebens mit und ohne Kindern, Befreiung von patriarchaler Bestimmungsmacht und jeder Form von Sexismus.