Redebeitrag der SDAJ

Lebensschützer, was sind das eigentlich für Leute?
Bei den Lebensschützern handelt es sich um eine fundamental christliche Vereinigung, die es sich zum Ziel gemacht hat der „Flut der Abtreibungstoten“ ein Ende zu bereiten. Hierbei gehen sie gezielt gegen Ärzte, Kliniken und unabhängige Beratungsstellen vor. Sie verstehen sich selbst als Lebensschutzgemeinschaft für das Leben in Europa (www.europrolife.com). Durch die öffentlichen Prozessionen wollen sie betend ihren Schmerz ausdrücken über die unschuldigen toten Kinder und ihre verwundeten Eltern. Aber beten reicht ihnen nicht. Eine ihrer Hauptaufgaben ist, durch selbstausgebildete Gehsteigbetreuer Frauen vor Abtreibungskliniken abzufangen und sie mit ihren Ideologien zu konfrontieren. Die Lebensschützer sind ein Teil eines weltweiten Netzwerks aus Abtreibungsgegnern, meist aus dem konservativen, christlichen Spektrum. Sowohl einschlägige Parteien, wie auch Ärztevereinigungen zählen zu ihren Unterstützern.
Heute sind sie hier auf der Straße um mit weißen Holzkreuzen den 1000 abgetriebenen Kindern zu gedenken, die, laut ihnen, jeden Tag weltweit ermordet werden.
Ich stehe heute hier für all die Frauen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen für eine Abtreibung entschieden haben. Wir stehen heute hier, weil Frauen ein Recht darauf haben für ihren Körper und für das Leben, das in ihnen entsteht, Verantwortung zu haben. Verantwortung kann jemand aber nur zeigen, wenn ihm auch Freiräume für selbständige Entscheidungen gegeben werden. Eine aufgezwungene Entscheidung ist keine selbstverantwortete Entscheidung.
Genau solch aufgezwungene Entscheidungen wollen die Gehsteigbetreuer der Lebensschützer erzwingen. Anreden wie ‚Mami‘ oder ‚Mörderin‘ sollen nicht nur ein schlechtes Gewissen herbeiführen, sondern Frauen, die ohnehin schon eine schwierige Entscheidung getroffen haben, das Gefühl vermitteln, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Auch wenn natürlich Androhungen von Höllenqualen und ewiger Verdammnis bei Nichtgläubigen bedeutungslos scheinen, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass solche Angriffe schwere Folgen bei den betroffenen Frauen haben können. Bilder von kleinen Kindern sollen Frauen zeigen, wie wunderbar Mutterglück sein kann. Ja, Mutterglück kann wunderbar sein. Aber liebe Fundis, seht ihr denn nicht, dass es unterschiedliche Menschen und Situationen gibt. Wie traumatisierend mag so ein Bild, so eine Ansprache auf eine Frau wirken, die eine Vergewaltigung hinter sich hat und aufgrund dieser ungewollt schwanger geworden ist? Also spreche ich mich klar aus gegen die selbsternannten Gehsteigberater der fundamentalen Christen, die ihrem längst überwundenen patriarchalen Frauenbild nachtrauern und vor Abtreibungskliniken herumlungern.
Eine Vereinigung, die Frauen als Mörderinnen beschimpft, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, ist eine Vereinigung, die uns Frauen nicht als selbstständige, verantwortungsvolle und gleichberechtigte Menschen wahrnimmt, sondern uns auf Brutstätten reduziert. Wir stehen heute hier, um für ein Frauenbild zu kämpfen, das Generationen von Feministinnen mit viel Mühe aufgebaut haben. Auch wenn wir noch lange nicht von Gleichberechtigung der Geschlechter sprechen können, lassen wir uns doch diese Fortschritte nicht ohne Wiederstand nehmen!
Deswegen stehe ich heute auch hier um für die Abschaffung der Zwangsberatung zu sprechen, die laut §218 in Deutschland immer noch Voraussetzung für Abtreibung ist. Der Gesprächsbedarf bei Frauen, die abtreiben wollen, ist meist sehr wohl vorhanden, allerdings darf weder Ort noch Form des Dialogs als staatlicher Zwang bestehen. Und auf keinen Fall darf die endgültige Entscheidung bei einem anderen liegen als bei der Frau selbst. Das Leben einer Frau darf nicht der Willkür und den Launen eines Arztes oder einer Beratungsstelle ausgesetzt sein. Nur die Frau selbst kann entscheiden, was für sie das Beste ist.
Fundamentale Christen wollen uns weiss machen, dass Sexualität allein der Fortpflanzung dient. Durch Verteufelung von Verhütungsmitteln soll der Frau verboten werden ihren eigenen Körper zu erforschen, ihre eigene Lust und ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. Ich denke jeder hier wird mir zustimmen, dass wir dieses Stadium zum Glück überwunden haben. Denn wirklich jeder Mensch hat in der heutigen Zeit das absolute Recht seine Sexualität auszuleben und seinen eigenen Körper zu erforschen. Allerdings sehen wir, dass in einer Gesellschaftsordnung die ausschließlich nach dem Prinzip der Profitmaximierung aufgebaut ist und alles zur Ware gemacht wird, dies niemals möglich sein kann. Wir stehen heute hier um für eine Gesellschaftsordnung zu kämpfen, in der jeder Mensch sich frei entfalten kann.
Und als wäre das alles nicht genug, ist es in jüngster Zeit vermehrt zu beobachten, dass juristische Repression und Gotteseiferer vermehrt aufeinander Einfluss nehmen und sich über undurchsichtige Lobbyarbeit gegenseitig unterstützen. Hier dürfen wir nicht tatenlos zu sehen, denn je mehr sich diese Strukturen miteinander verweben, desto mehr werden diese Meinungen von den Medien aufgegriffen und in der breiten Gesellschaft als Wahrheit erachtet. Wir müssen uns dagegen stellen und jetzt den Mund auf machen, bevor ein Abtreibungsverbot gesellschaftlicher Konsens wird. Wir brauchen keinen Gott, keinen Staat, kein Patriarchat, um zu entscheiden was mit unserem Körper passiert.
Sollen die Christen doch beten für wen sie wollen, solange sie uns damit nicht in unserer Selbstbestimmung einschränken. Solange sie das allerdings tun werden wir hier stehen und laut sein.
Wir stehen also hier für eine Gesellschaft, die Frauen nicht nur Pflichten, sondern auch Verantwortung zuteil werden lässt!
Wir stehen also hier für die absolute Selbstbestimmung der Frau und das Recht auf ein individuell gestaltetes Leben!
Wir stehen hier für ein selbstständiges, verantwortungsvolles und gleichberechtigtes Frauenbild!
Wir stehen hier für die Abschaffung der Zwangsberatung, gegen die Kontrolle unseres Körpers durch den Staat!
Wir stehen hier um die Gesellschaft aufzurütteln und das Zusammenspiel zwischen Kirche, Staat und anderen konservativen Vereinigungen nicht zu tolerieren!
Wir stehen hier für eine freie Entfaltung der Sexualität! Für eine Gesellschaft von dem Menschen, für den Menschen!
Wir brauchen keinen Gott, keinen Staat, kein Patriarchat, um zu entscheiden, was mit unserem Körper passiert!


1 Antwort auf “Redebeitrag der SDAJ”


  1. 1 Meine Demo gehört mir « Antisexistisches Aktionsbündnis München Pingback am 30. Juli 2010 um 11:17 Uhr
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