Offener Brief zu Sexismus und Homophobie auf dem Chiemsee Reggae Summer

VON DACHAU BIS SALZBURG, 11.08.2009

OFFENER BRIEF

CRP Konzertagentur GmbH
Gabelsbergerstr. 6
D-83308 Trostberg
(info@chiemsee-reggae.de)

Sexismus und Homophobie
auf dem Chiemsee Reggae Summer

Sehr geehrte Damen und Herren,
seit 2000 treten auf dem Chiemsee Reggae Summer fast jährlich homophobe Musiker auf.
2008 und 2000 Beeny Man („I‘m dreaming of a new Jamaica, come to execute all the gays“), 2007 Capleton („Fire bun batty bwoy!“ „Das Feuer möge den Schwulen verbrennen!“), 2000 und 2004 Buju Banton, der im Juli 2004 auf Jamaika an einem schwulenfeindlichen Übergriff persönlich beteiligt war.
2008 sollte Sizzla, der ebenfalls in seinen Liedern zur Ermordung von Homosexuellen aufruft, auftreten. Der Auftritt wurde aber wegen eines Einreiseverbotes in die EU abgesagt. Dazu schrieben die Veranstalter_innen auf der offiziellen Homepage des Chiemsee Reggae Summer: „Auf Druck des Lesben- und Schwulenverbands Deutschlands (LSVD) und des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Volker Beck, wurde Sizzla (Miguel Collins) vom Bundesinnenministerium in das sogenannte Schengen-Informations-Sytem (SIS) eingetragen. Dies macht ihm derzeit die Einreise in den Schengenraum, zu dem auch Deutschland gehört, trotz gültigem Visums, unmöglich“.
Sizzla werde aber gegen diese Eintragung juristisch vorgehen. Allerdings glaubten die Chiemsee-Veranstalter nicht, dass das bis zum Festivalbeginn „geregelt“ sei. Warum der LSVD interveniert hatte, interessierte die Veranstalter_innen offenbar nicht. Auf der offiziellen Myspaceseite des CRS ist Sizzla nach wie vor verlinkt.
Dieses Jahr (2009) haben die Veranstalter_innen wieder den Auftritt von homophoben Künstlern angekündigt. Am Samstag den 15.08.09 sollen T.O.K. auftreten, welche in Vergangenheit durch die Produktion und Performance von extrem schwulen- / lesbenfeindlichen Songs – allen voran die 2001 für den Wahlkampf der jamaikanischen Partei JLP eingesungene Wahlkampfhymne und Dancehall-Dauerhit „Chi Chi Man“ – aufgefallen sind.

Auszüge und sinngemäße Übersetzung des Songtextes „Chi Chi Man“ von T.O.K. (2001)

„[…]Rat tat tat every chi chi man dem haffi get flat
Get flat, mi and my niggas ago mek a pack
Chi chi man fi dead and dat’s a fact[…]“

„[…]Rat tat tat (Maschinengewehrgeräusch) jeder Schwule sollte flach (tot) auf dem Boden liegen,
meine Nigger und ich werden dafür schon sorgen
Schwule müssen sterben – das ist Fakt[…]“

Chorus:
From dem a par inna chi chi man car
Blaze di fire mek we bun dem!!!! (Bun dem!!!!)
From dem a drink inna chi chi man bar
Blaze di fire mek we dun dem!!!! (Dun dem!!!!)

Sollten sie zusammen in einem Schwulen-Auto sitzen,
Entfesselt das Feuer, lasst sie uns verbrennen! (verbrennt sie!)
Sollten sie zusammen in einer Schwulen Bar trinken
Entfesselt das Feuer – lasst sie uns fertig machen! (fertig machen!)

Desweiteren kommt es auf dem Chiemsee Reggae Summer fast jährlich zu Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen. Zuletzt im Jahr 2008.
Vergewaltigungen sind aber nur die Spitze des Eisbergs ungezählter Fälle sexueller Belästigung, entwertender „Witze“, demütigender und obszöner Darstellungen, abschätziger Blicke, unerwünschter Berührungen und Annäherungsversuchen. Dass dies auf dem Chiemsee Reggae Summer alltägliches Rahmenprogramm ist, dürfte den Veranstalter_innen ja kaum entgangen sein. Sie tragen dabei zwar nicht die Verantwortung für genannte Vergewaltigungsfälle – ihr demonstratives Desinteresse und ihre Praxis, die sich lediglich auf das Abwarten polizeilicher Ermittlungen beschränkt,verurteilen wir aber aufs Schärfste. Denn das befördert eine Kultur des Wegschauens und Wegdelegierens.
Sexismus ist aber ein gesellschaftliches Problem. Es bezieht sich nicht nur auf strafrechtlich relevanter offene Gewaltausbrüche, sondern beginnt weit in deren Vorfeld! Als Veranstalter_innen müssten sie dieser Situation nicht tatenlos gegenüberstehen als ob es sich um ein Naturereignis handle! Ein erster Schritt wäre das öffentlich formulierte Eingeständnis, dass es sich hier um ein Problemfeld handelt. Ein zweiter, dass mensch sich von sexistischen Handlungen distanziert und diese ablehnt. Eine weitere Maßnahme könnte das Einrichten eines Rückzugsraumes, der nur Frauen offen steht, sein. Das aber reicht noch nicht aus: Es liegt in der Verantwortung der Veranstalter_innen ein Konzept zur umfassenden Information im Vorfeld und für eine qualifizierte Beratung für Betroffene sexueller Übergriffe zu entwickeln und anzuwenden. Vergleichbares wurde mit dem Projekt „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ beim Münchner Oktoberfest erreicht. Wir fordern die Veranstalter_innen auf, zu diesem Zweck umgehend Kontakt zu geeigneten Fachstellen, bspw. dem AMYNA e.V., aufzunehmen!

Wir fordern die Veranstalter_innen deshalb auf:
− Den Auftritt von T.O.K. Abzusagen.
− Zukünftig kein Auftritte von homophoben Künstler_innen mehr zu ermöglichen.
− Eine intensive Auseinandersetzung mit Homophobie im Reggae anzuregen.
− Ein Konzept zur umfassenden Information im Vorfeld und für eine qualifizierte Unterstützung Betroffener sexualisierter Gewalt zu entwickeln.
− Sichere Freiräume für Frauen zu schaffen.

Unterzeichner_innen:
assoziation autonomer umtriebe dachau
Antifa nt (Antifa München)
r|am (Antifajugend München)
asab_m (Antisexistisches Aktionsbündnis München)
Antifa Innsbruck
Antifa Miesbach Oberland
Infogruppe Rosenheim
Infoladen Salzburg
Anark TS (Antifaschistischer Arbeitskreis Traunstein)