Redebeitrag: Ein Ressentiment kommt selten allein

Auf der Kundgebung gegen den „1000 Kreuze“-Marsch wurde ein Redebeitrag gehalten, der die ideologischen Schnittmengen zwischen Nazis und sog. Lebensschützern analysiert. Dieser Beitrag wurde mit einem Bericht über den Marsch ergänzt, und von Aida veröffentlicht.

Katholischer Bischof marschiert mit Rechtsterroristen

Dass beim „Tausend Kreuze für das Leben“-Marsch am Samstag in München neben christlichen Fundamentalist_innen auch Teile der Münchner Neonaziszene aufmarschierten, kommt nicht von ungefähr: Die Ideologie der sich selbst zynisch „Lebensschützer“ nennenden Abtreibungsgegner_innen ist nicht frei von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und von einer Verharmlosung des Nationalsozialismus.
von Robert Andreasch

Alle sind sie Teil eines gemeinsamen Aufmarsches: Joseph Kurtz, der katholische Erzbischof von Louisville/Kentucky und Wolfgang Hering, Hauptakteur der Münchner Abtreibungsgegner_innen sind u. a. mit Norman Bordin, dem vorbestraften neonazistischen Gewalttäter, sowie mit den Münchner Kameradschaftsaktivisten Philipp Hasselbach, Mike Nwaiser und Markus Heine unterwegs. Seit mehreren Monaten hatten christlich-fundamentalistische Gruppen nach 2002 und 2006 zu einem erneuten „1000 Kreuze für das Leben“-Aufzug nach München mobilisiert. Schon am Vorabend stellte ihnen die katholische Kirche die Theatinerkirche St. Kajetan zur Verfügung, am Sonntag dann der Freistaat Bayern den Max-Joseph-Saal in der Residenz. Der Marsch wurde von zahlreichen Organisationen von Abtreibunsgegner_innen beworben, u. a. der „Aktion Lebensrecht für Alle e.V.“ (Augsburg). Seit Wochen riefen Münchner Neonazis ihr Klientel zur Teilnahme auf. Fast ein Drittel der 200 Teilnehmer_innen, die sich ab 16 Uhr für die abstruse Mischung aus Prozession und Demo auf dem Marienplatz sammeln, sind am Ende der Münchner, oberbayerischen und niederbayerischen Neonaziszene zuzuordnen. Der katholische Erzbischof Joseph Kurtz läutet mit einer grossen silbernen Schiffsglocke, als NPD-Funktionär Karl Richter und der als Rechtsterrorist verurteilte Karl-Heinz Statzberger im Rahmen des Marsches unterhalb des Friedensengels Rosen in die Isar fallen lassen. Das soll, zusammen mit laut ausgerufenen „Kindernamen“, irgendwie an angeblich „im Mutterleib ermordete Kinder“ erinnern und wurde als Aktionsform von den „Lebensschützern“ so schon im Juli diesen Jahres in Salzburg erprobt.

„Jeder ist willkommen“

Untereinander gibt es kaum Probleme in der „gespenstischen Allianz“ (TZ) . Lediglich, dass sich ein kleiner Block der selbsternannten „Freien Nationalisten München“ zum Gebet unterwegs nicht hinkniet, verstimmt die Veranstalter_innen um Wolfgang Hering. Im Vorfeld hatte sich Herings Organisation „Euro Pro Life“ gegenüber dem NPD-Blog (www.npd-blog.info) auf Anfrage geweigert, sich von den Neonazis zu distanzieren: „Jeder, der von Herzen in diesem Anliegen mit uns mitbeten möchte, ist willkommen.”

Man teilt sich auch die Feinde: Die gemeinsamen Feinde sind am Samstag Nachmittag zum einen Linke und Antisexist_innen, die mit Lärm, kreativen Aktionen, wandernden Riesenkondomen und dem ein oder anderen Blockadeversuch den Marsch torpedieren. Zum anderen die Medien: die Einen halten Pressefotografen die behandschuhte Hand vors Objektiv, die Anderen eben den Rosenkranz. Neonazistische Anti-Antifa-Aktivisten fotografieren und bedrohen Gegner_innen und Pressevertreter_innen. Darunter sind welche aus dem Kreis der sog. „Anti-Antifa Nürnberg“. Auch Thomas Schatt, ebenfalls verurteilt wegen Mitgliedschaft in einer (rechts-)terroristischen Vereinigung, versucht, Gegendemonstrant_innen zu fotografieren. Homophobe und sexistische Sprüche, so berichten es Anwesende, sind im gesamten Demo-Zug nicht selten. Die Veranstalter lassen zwei junge Männer aus dem Marsch werfen, weil sie sich küssen. Dem einen jungen Mann schlägt ein Christ noch ein Marienbild auf den Kopf. Die Teilnehmenden singen dazu: „Dona nobis pacem“ – „Gib uns deinen Frieden“.

Ein Ressentiment kommt selten allein

Die Ideologie der aufmarschierten Gruppen zeigt auf drastische Weise die Verwobenheit von Sexismus mit einer reaktionären Bevölkerungspolitik, mit Rassismus und Antisemitismus auf. Selten offenbaren sich jedoch die gemeinsamen Schnittmengen zwischen christlichen Fundamentalist_innen und der deutschen Neonaziszene so deutlich, wie am vergangenen Samstag in München.

Gemeinsamkeit 1: Reaktionäre Bevölkerungspolitik

Christa Meves, um mal ein Beispiel zu nennen, ist eine Abtreibungsgegnerin, die auch schon bei Jürgen Riegers nationalsozialistischer Artgemeinschaft vorgetragen hat. Vor wenigen Monaten trat sie zusammen mit dem Augsburger Bischof Walter Mixa beim „Kirche in Not“-Kongress in Augsburg auf. Da „ein hoher Prozentsatz der 40-jährigen Akademikerinnen“ keine Kinder habe, rief Meves die Versammelten als „Urbewohner des Landes“ zur „Überwindung des destruktiven Feminismus“ auf. Offensichtlich fehlen ihr eben nur weiße, christliche Akademikerkinder. Meves bekam Standing Ovations, auch von Bischof Mixa.

Die Szenarien vom aussterbenden deutschen Volk werden ergänzt von rassistischen Prophezeiungen, dass Deutschland von „Ausländern“ „überflutet“ und Mitteleuropa islmaisch werde. Das ganze ist aber auch verknüpft mit einem Wunsch nach elitärer Selektion: Im neuen Buch der Junge-Freiheit-Autorin Ellen Kositza „Gender ohne Ende“ heißt es z. B. „Damals galten Akademiker, Anthroposophen und Adlige als eminent gebärfreudig, heute sind es laut Stammtisch eher Arbeitslose, Ausländer und Asoziale“. Ähnlich lässt es sich im Aufruf finden, mit dem die neonazistischen „Freien Nationalisten München“ zum „1000 Kreuze-Marsch“ mobilisierten: „1000 Kinder, denen man die Chance auf ein Leben bereits im Mutterleib nimmt. Eine erschreckende Zahl, da dies einmal mehr zur negativen demografischen Entwicklung in unserem Land beiträgt. Währendessen läßt sich seit Jahren die Gebärfreudigkeit gerade ausländischer Familien feststellen.“

Gemeinsamkeit 2: Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen

Einige „Lebensschützer“ und Neonazis verbindet jedoch noch mehr: Zum Beispiel die antisemitische Instrumentalisierung der Schoah für die eigenen Zwecke. Sprache, Kunst und manchmal auch Aktionsformen, die aus der Erinnerungsarbeit an den Nationalsozialismus bekannt sind, werden durch Abtreibungsgegner_innen aufgegriffen. Radikalere Gruppen wie die „Aktion Leben e. V.“ setzen die Schoah und Schwangerschaftsabbrüche in eins, manche nennen Abtreibungen „Babycaust“, was einige deutsche Gerichte auch legalisiert haben. Auf einer gleichnamigen homepage kann mensch das Bild gestapelter Leichen aus einem nationalsozialistischen KZ anklicken – und landet dann bei einem Foto, das angeblich ein abgetriebenes Embryo zeigen soll. Beim Aufmarsch am Samstag verteilen teilnehmende Abtreibungsgegner_innen wirre Flyer mit der Aufschrift „Fristenlösung ist Endlösung – mein Bauch ist kein KZ“. Unklar bleibt, warum sie die Deutschland-Fahne auf dem Flyer mit einem Hakenkreuz dekorierten. Geburtenkontrolle und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen werden auf eine Ebene gestellt mit dem millionenfachen Mord durch Giftgas, Erschiessungskommandos und der Vernichtung durch Arbeit in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern. Die katholische Zeitung des Bistums Münster, darauf wies das „Antisexistische Aktionsbündnis München“ (asab_m) im Aufruf zu den Gegenaktionen am Samstag hin, ging in einem Artikel noch weiter und hetzte: „Die Nazis haben ihren Massenmord immerhin noch mit einer Ideologie versehen. Es war nicht kaltherzige Ichsucht, wie etwa heute bei der Abtreibung.“

Gemeinsamkeit 3: Festhalten an starren Geschlechterrollen

Mit einer Verspätung von Jahrzehnten haben christliche Fundamentalisten (Fels, Die Wende e. V., Freundeskreis Christa Meves u.v.m.) und die extreme Rechte (FPÖ, Ring Nationaler Frauen, Junge Freiheit, Institut für Staatspolitik u.v.m.) offenbar erst jetzt mitbekommen, dass die in der Moderne einst als selbstverständlich akzeptierte Existenz der zwei Geschlechter Mann und Frauen längst fließend und variabel geworden ist. Geschlecht muss als soziale Konstruktion verstanden werden. Die extreme Rechte sieht dadurch ihre Grundlagen, Biologismus und Essenzialismus in Gefahr: Selbst im zurückliegenden Landtagswahlkampf ging es im NPD-Flugblatt „Beckstein muss weg“ um das derzeitige Lieblingsthema der Rechten, die Gender-Debatte. „Unser Volk sollte nicht aussterben, weil verantwortungslose Gender-Strategen die Geschlechter abschaffen wollen“, schrieb die Bundessprecherin des Rings Nationaler Frauen, Gitta Schüßler.

Gemeinsamkeit 4: Patriarchales Frauenbild

Grundlage des patriarchalen Frauenbildes ist der Biologismus, „Unterschiede“ zwischen „Mann“ und „Frau“ seien demnach „biologisch“ festgelegt oder „gottgegeben“. Die Gebärfähigkeit steht dabei im Mittelpunkt: der gesellschaftliche Nutzen der Frau ist das Gebären. Die angeblich unterschiedlichen „Eigenschaften“ der Menschen werden dann auf „Völker“ ausgeweitet, die auch unterschiedliche „Eigenschaften“ und „Wesenseigenschaften“ hätten. Davon abgeleitet wird dann der „Nationenbegriff“, in dem das „Volk“ die Substanz bildet. Bei der verbotenen neonazistischen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ hieß es einst, das wesentliche Naturgesetz sei „die Verschiedenheit der Menschen untereinander, nicht nur zwischen den Rassen und Völkern, sondern vor allem zwischen den Geschlechtern.“ Die Programme der Rechten basieren also auf einer sexistischen Ideologie, und auch bürgerlich-konservative Kreise lehnen sich an dieses Weltbild an.

Eine zunehmend nationalistischer werdende Stimmung in Deutschland kann so auch eine reaktionärere Familien- und Frauenpolitik nach sich ziehen. Und eine konservativere Frauen- und Familienpolitik kann umgekehrt eine härtere Gangart in der Migrations- und Integrationspolitik heißen. Das Macht- und Gewaltverhältnis von Männern über Frauen hat dabei für rassistische Muster eine besondere Bedeutung: Schon heute durchzieht den rassistischen Alltagsdiskurs oft die Redefigur, „deutsche Frauen“, gleichzeitig eigentlich „Frauen von Deutschen“, würden von sog. „Ausländern“ (nicht von: Männern) besonders häufig bedroht oder belästigt.

Über eine männlich-sexistische Zuordnung verlief die Grenze zwischen „Wir“ und „Ihr“ in ihrer mörderischsten Konsequenz auch im Nationalsozialismus: wenn ein sogenannt „fremder“ Mann mit einer deutschen Frau zusammen war, verletzte er die Grenze, die Nazis nannten das „Rassenschande“. Die Wiederherstellung der männlich bestimmten sozialen Ordnung verlief dann über Gewalt und Diffamierung der Frau und des Mannes. Verbal weitergeführt wird diese Linie heute in den ständigen Aufrufen zu Mord und Vergewaltigung durch deutsche Rechtsrockbands der militanten Kameradschaftsszene. Im Nationalsozialismus wurden somit freiwillige Liebesverhältnisse bestraft, und nicht die Massenvergewaltigungen durch deutsche Soldaten und Einsatzgruppen. Frauen, die im Nationalsozialismus „fremde“ Männer heirateten, wurden aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Bis in die 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts bestimmte sich danach übrigens die staatsbürgerliche Zugehörigkeit von Frauen.

Die zentrale Unterscheidung politischer Positionen stellt der Begriff der Gleichheit dar. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die dafür kämpfen, dass alle Menschen gleich sind, und auf der Grundlage dieser Gleichheit „ohne Angst verschieden“ sein können (Adorno). Der Kampf gegen die Ursachen gesellschaftlicher Ungleichheit folgt daraus zwingend.
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Menschen als ungleich unterteilen. Diese marschierten am Samstag gemeinsam durch München.

Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript eines Redebeitrags, gehalten auf der Kundgebung „My body – my choice!“ des Antisexistischen Aktionsbündnis München (asab_m) am 4.10.2008.


5 Antworten auf “Redebeitrag: Ein Ressentiment kommt selten allein”


  1. 1 horstifa 05. November 2008 um 17:54 Uhr

    Ich weiss, dass passt hier nur beding … aber das Mobi-video gegen das Heldengeenken müssen einfach alle sehen, ich weiss nicht wen ich mehr knuddeln will, den/die Bär_in oder Steini…
    http://pl.youtube.com/watch?v=fZr5hY7WXbg

    guckt auch bei demontage.blogsport.de vorbei!

  2. 2 Antisexist_in 10. November 2008 um 18:00 Uhr

    Schickes neue Seite!

  3. 3 Chicas celebres 07. Januar 2012 um 22:41 Uhr

    wohh precisely what I was looking for, thankyou for posting .

  1. 1 Nazis und Lebensschützer « Antisexistisches Aktionsbündnis München Pingback am 27. Oktober 2009 um 12:27 Uhr
  2. 2 internet tv br Trackback am 04. April 2013 um 10:52 Uhr
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