analyse&kritik

An dieser stelle dokumentieren wir einen Artikel aus der aktuellen Ausgabe von analyse&kritik:

Das Kreuz mit den radikalen Christen
Von Kirsten Achtelik

Abtreibung wird wieder zum Thema – angesichts der „1000 Kreuze Märsche für das Leben“, die am 20. September in Berlin und am 4. Oktober in München von selbsternannten Lebensschützern durchgeführt wurden, regte sich wie auch schon am 25. Juli in Salzburg Protest. Radikale Christen und Abtreibung waren bisher sowohl bei der Antifa als auch in der queeren Szene eher vernachlässigte Themen, das scheint sich zu ändern. Da der „Trauermarsch“ in Berlin ab jetzt auch jährlich stattfinden soll, lohnt es sich, an den Fragen: Was wollen die eigentlich? und Was können wir dem entgegensetzen? dranzubleiben.

„Lebensschützer“ – zersplittert und unübersichtlich
Die „Lebensschützer“ in der BRD bestehen aus vielen kleinen Organisationen, die sowohl ideologisch als auch religiös einem breiten Spektrum angehören – vom CDL (Christdemokraten für das Leben), einer Sonderorganisation in der CDU/CSU bis zur radikalen Rechten und von papsttreuen Katholiken bis zu evangelikalen Gruppen. Viele von ihnen haben sich im BvL (Bundesverband für Lebensrecht) zusammengeschlossen. Ihre Hauptaktivitäten bestehen in „Beratungen“ via Internet oder in Beratungsstellen, in Lobbyarbeit zur Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218, gegen Sterbehilfe und Embryonenforschung, und eben in den „Trauermärschen für das Leben“. Offensive „Beratung“ von Frauen, die abtreiben wollen („Gehsteigberatung“), sind in der BRD bisher nur aus München bekannt. Dort wurde nur 100 Meter von einer bekannten Arztpraxis ein „Lebenszentrum“ eingerichtet, in das abtreibungswillige Frauen gelotst werden sollen. Ein juristisches Vorgehen gegen diesen religiösen Eifer blieb erfolglos.
Durch die dieses Jahr gegründete AUF-Partei (Arbeit, Umwelt, Familie) könnte es zu einer Sammlung der AbtreibungsgegnerInnen auf politischer Ebene kommen. Die AUF-Partei versteht sich als „Sammlungsbewegung bekennender Christen“, Teile der Partei Bibeltreuer Christen (PBC), der Deutschen Zentrumspartei sowie der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) sind zu ihr übergegangen. Durch den Zusammenschluss hoffen sie durchsetzungsfähiger zu werden und wollen sich vor allem die Kampagnen- und Öffentlichkeitsorientierung evangelikaler Gruppen in Südamerika, Afrika und den USA zum Vorbild nehmen.
Gemeinsam ist den AbtreibungsgegnerInnen vor allem ihr reaktionäres Frauenbild: die Frau als Hausfrau und Mutter (möglichst vieler Kinder), die hierin ihr biologisches Schicksal erfüllt und ihre persönliche Erfüllung findet.

Gegenmobilisierung in Berlin
Der Gegenseite (antisexistische, antifaschistische, queere und feministische Menschen und Gruppen) ist es dieses Jahr in Berlin zum ersten Mal gelungen, ein Bündnis zur Mobilisierung gegen den 1000 Kreuze Marsch auf die Beine zu stellen. Sie wollte den reaktionären schwarz gekleideten Lebensfeinden ein buntes, fröhliches Treiben entgegensetzen. Wegen politischer Konkurrenz-Veranstaltungen in Berlin und Köln wurde die TeilnehmerInnenzahl von 200 als nicht schlecht bewertet. Doch der unverhältnismäßige Einsatz der Berliner Polizei (fünf teils brutale Festnahmen) überraschte die OrganisatorInnen: „Zwei Leute wurden mit haarsträubenden Begründungen schon vor Beginn der Christen-Kundgebung mitgenommen. Das war krasser als bei vielen Anti-Nazi-Aktionen.“ regt sich Heidi Kremer vom Bündnis auf und macht sich auch Sorgen über die Vermittelbarkeit der Gegenkundgebung: „Wir sind ganz klar Pro-Choice. Unsere Kritik richtet sich vor allem dagegen, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen noch weiter einzuschränken. Andererseits halten wir Abtreibung nicht für was Tolles. ‚Abtreiben gegen Deutschland’ oder ‚Föten zu Pflugscharen’, was auf einigen Schildern zu lesen war, provoziert zwar die Christen, geht aber unserer Meinung nach in die falsche Richtung.“

Unbeabsichtigte Folgen der Gegenmobilisierung
Während in den Vorjahren weder „Lebensschützer“ noch die begrenzten Gegenaktionen die mediale Aufmerksamkeit erregen konnten, fanden der „Trauermarsch“ und die Gegenkundgebung dieses Jahr durchaus Beachtung. Von den ProtestiererInnen war dieser Effekt schon befürchtet worden, allerdings war es ihnen wichtiger, das Thema Abtreibung wieder auf die Agenda zu setzen. Auch das rechte Wochenblatt Junge Freiheit berichtete lobend und ganzseitig über die Berliner Demonstration. Andere rechte Kreise wurden erst durch die angekündigten Gegenproteste auf die „Lebensschützer“ aufmerksam, wie der Schreiber eines Altermedia-Artikels (eine rechte, dem linken indymedia nachempfundene Nachrichten-Webseite) bekundet. Der Bericht hat heftige Debatten darüber ausgelöst, inwieweit die Forderungen der „Lebensschützer“ für Rechte anschlussfähig seien. Dem gemeinsamen Ziel, das imaginierte Aussterben des deutschen Volkes zu verhindern, steht die fragliche „Vereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Idee“ gegenüber. Außerdem halten nicht wenige Nazis Abtreibung für vertretbar, wenn es um „die Reinhaltung des Volkes“ geht.

Aktionen in München
Schon im Vorfeld des „Trauermarsches“ in München hatten „Freie Nationalisten München“ ihre Teilnahme angekündigt. Die Veranstalter (EuroProLife) wiesen zwar darauf hin, dass der Marsch als „Gebetsprozession“ zu betrachten sei, fühlen sich aber ansonsten zu keiner Distanzierung von den Nazis veranlasst und freuten sich offensichtlich auch über die rund 60 Nazis, die damit rund ein Viertel der TeilnehmerInnen stellten. Auch bekannte NPD-Mitglieder waren bei dem von den Nazis formierten Block dabei.
Das Münchner Antisexistische Aktionsbündnis, das zu den Gegenaktionen aufgerufen hatte, bewertet diese als Erfolg. Immerhin wurde aufgrund der Proteste die Demoroute verlegt und auf die Ausgabe der Kreuze weitgehend verzichtet. Auch hier ging die Polizei, vor allem das USK gegen Stör- und Blockadeversuche brutal vor. 300 Menschen beteiligten sich an den bunten und phantasievollen Gegenaktionen.

Bündnis München: http://asabm.blogsport.de/
Bündnis Berlin: http://no218nofundis.wordpress.com/