Chaos-Marsch der „Lebensschützer“

Am Samstag, 4. Oktober, sollte in München ein sog. 1000-Kreuze-Marsch von reaktionären Abtreibungsgegner_innen stattfinden. Auch die Naziszene hatte auf diesen Marsch mobilisiert. Viele Gegenaktionen störten den geplanten Ablauf des Ganzen massiv.

Nachdem es bereits im Vorfeld zu einigen Aktionen gekommen war, stand diesen Samstag nun das zentrale Fundamentalisten-Event, der 1000-Kreuze-Marsch durch das Zentrum von München an.

Der Tag begann ab 14 Uhr mit einer Kundgebung am Geschwister-Scholl-Platz, wo etwa 200 Menschen verschiedenen Redebeiträgen lauschten, in denen ausführlich über die Strukturen der „Lebensschützer“ informiert wurde und grundsätzliche Positionen zum Recht am eigenen Körper dargelegt wurden. Auch gab es ein kurzes Grußwort vom „Bündnis Gegen Abtreibungsverbot // Gegen christlichen Fundamentalismus“ aus Berlin, wo vor kurzem Ähnliches stattfand.
Unterhaltsam wurde es, als 2 Bibelfundis es für eine gute Idee hielten, sich mit Pappschildern mit aufgemalten Bibelsprüchen in die Kundgebung zu stellen. Nachdem die Schilder ordnungsgemäß entsorgt wurden, meinten die beiden eine Rangelei starten zu müssen, worauf sie aus der Kundgebung gedrängt wurden und verschwanden. Im Weggehen warfen sie mit einigen Aufklebern um sich. Darauf standen Sprüche wie „Der Mutterleib ist kein KZ“, gedruckt auf eine Schwarz-Rot-Gelbe Fahne mit Hakenkreuz. (Aufkleber bei Indymedia dokumentiert)

Gegen 15.30 waren alle geplanten Redebeiträge vorgetragen worden und so leerte sich die Kundgebung allmählich, wollten doch schon bald die „Lebensschützer“ mit der Kreuzausgabe am Marienplatz beginnen.
Die Münchner Innenstadt war gerappelt voll. Es war letzter Oktoberfest-Samstag, ein Fußballspiel war auch, und Samstags ist die Stadt ja auch sowieso schon sehr voll. So drängten sich auch auf dem Marienplatz die Menschen eng an eng, während nach und nach immer mehr Gegendemonstrant_innen ihren Weg dorthin fanden. Darunter waren auch 3 riesige rosa Kondomfiguren, die bei vielen Passant_innen für Erheiterung sorgten, bevor die Polizei meinte, den Spaß verderben zu müssen und ihnen Platzverweise erteilte.
Auf dem Marienplatz stand inzwischen auch ein Transporter, in dem sich die weißen Holzkreuze befanden. Darum sammelten sich die Gegendemonstrant_innen, gut 200 „Lebensschützer“ sowie etwa 60 Nazis. Die Situation war extrem chaotisch, so dass die Kreuzzugorganisator_innen „aus Sicherheitsgründen“ auf die Ausgabe der Kreuze verzichteten, was mit großem Applaus begrüßt wurde. Die zu diesem Zeitpunkt anscheinend zu wenige Polizist_innen versuchten nun „Lebensschützer“ und Nazis von den Gegendemonstrant_innen zu trennen, was ihnen aufgrund der unübersichtlichen Szenerie allerdings nicht gelang.
Ohne Kreuze konnten die Fundis nur noch einige wenige Pappschilder, so wie ein großes hölzernes Portrait der „Jungfrau Maria“ tragen. Dies allerdings zunächst nicht all zu weit, da plötzlich zwei Männer direkt vor dem Holzportrait anfingen, sich zu küssen. Dies ekelte die Christ_innen so sehr, dass sie sich weigerten, die „Jungfrau Maria“ an dieser Szene vorbei zu tragen. Statt dessen zogen sie einem der Küsser die Gottesmutter über den Schädel, bis das Paar den Weg frei machte.
Nach und nach formierte sich nun der Kreuzzug. Von außen wurden immer wieder Parolen gerufen und Tranparente hochgehalten. Da es der Polizei zuvor nicht möglich gewesen war, die Gruppen klar voneinander zu trennen, wurden die Parolen auch aus dem Zug heraus erwidert.
Innerhalb des Kreuzzugs formierten sich die Nazis zu einem eigenen Block hinter einem Transparent mit Patschhändchen-Ästhetik. Insgesamt war das Spektrum der Nazis sehr gemischt, von Parteiprominenz und -anhängern wie z.B. Karl Richter (BIA/NPD) und Norman Bordin (NPD) über „Freie Kräfte“ um Mike Nwaiser und eher unorganisierte „Dorfnazis“ bis hin zu verurteilten Rechtsterroristen wie Karl-Heinz Statzberger.
Kurz nach dem Abmarsch des Zugs kam es zu ersten Blockadeversuchen. Diese wurden allerdings schnell durch einen rabiaten Einsatz der Polizei verhindert. Insbesondere das USK tat sich mal wieder durch Würgen, Schlagen und brutales Umwerfen von Gegendemonstrant_innen hervor.
Nachdem so mehrere Blockadeversuche scheiterten, wurde der Marsch durchgehend auf allen Seiten von Gegenprotesten begleitet. Transparente wurden gezeigt, es wurde ein extremer Lärm gemacht, „Lebensschützer“ und Nazis wurden mit aufgeblasenen Kondomen beworfen. Durchgängig wurden Parolen gerufen wie „Für die Freiheit, für das Leben – Selbstbestimmung muss es geben!“, „Kein Gott! Kein Staat! Kein Patriarchat!“ und „Gegen Macker und Sexisten – Fight the power – Fight the system!“.
Insgesamt waren an die 300 Menschen an den Protesten gegen den reaktionären Aufmarsch beteiligt, also noch einige mehr als auf der Kundgebung am Geschwister-Scholl-Platz.
An der Maximilians-Brücke gelang es den Polizeiketten einen größeren Teil der Gegendemonstrant_innen aufzuhalten. Infolge dessen kam es abseits des Marsches zu Katz und Maus-Spielen zwischen Gruppen von Linken und Polizei und zu geglückten und missglückten Durchbruchsversuchen.
Währenddesen lief der Fundamentalistenmarsch weiter. Immer wieder wurden gruselige Gesänge angestimmt, die allerdings durch die Gegendemonstrant_innen meist übertönt wurden. Auch machte der Marsch immer wieder Pausen, in denen die Christ_innen niederknieten und zu beten versuchten. Dabei blieben die Nazis allerdings stehen, auch wenn Einzelne von ihnen mitbeteten, wozu sie ja auch von den „Lebensschützern“ eingeladen worden waren.
Einen längeren Stopp legte der Aufzug an der Prinzregenten-Brücke ein. Hier wurden mehrere Rosen ins Wasser geschmissen und dazu Jungen- und Mädchennamen aufgesagt. Allerdings landeten nicht nur Rosen, sondern auch einige Kondome im Wasser. Dannach ging es weiter. Inzwischen waren auch einige der Lebensschützer mit insgesamt etwa einem Dutzend weißer Kreuze versorgt worden.
Auf dem Rückweg wurde der Zug auch weiterhin durch lautstarke Proteste flankiert.
Hierbei kam es nun allerdings immer wieder zu rabiateren Attacken der Polizeikräfte, wobei auch versucht wurde, mehrere Menschen fest zu nehmen. Insgesamt kam es zu 4 In-Gewahrsam-Nahmen und einer Festnahme.
Am Odeonsplatz machten die Christ_innen dann wieder eine Gebetspause. Gleichzeitig marschierten die Nazis weiter Richtung Feldherrenhalle, was von der Polizei nur kurz und halbherzig versucht wurde zu unterbinden.
Am Marienhof verschwanden die Nazis mit Polizeibegleitung in der S-Bahn, während der „Lebensschützer“-Zug nun weiter zum Marienplatz ging.

Nach Ende dieser vielfältigen antisexistischen Aktionen gab es dann am Abend noch eine bis tief in die Nacht dauernde Party der Queer-Kafes, die einen insgesamt gelungenen Tag würdig abrundete.

Als erstes Fazit lässt sich festhalten:
Die Proteste gegen die fundamentalistisch-reaktionären „Lebensschützer“ können als Erfolg gewertet werden. Aktionen im Vorfeld, wie das Entglasen des „Lebenszentrums“ und die Spontanparty vor der Kirche so wie die allgemeine Ankündigung von Gegenprotesten hatten bereits dafür gesorgt, dass die „Lebensschützer“ darüber nachgedacht hatten, den Marsch komplett abzusagen.
Da sie dies nicht taten, gab es die entsprechende Reaktion darauf, und sie war laut, bunt, entschlossen und kreativ. Geradezu absurd mutet die Begründung an, den Terz trotzdem durchzuziehen, verglichen doch die „Lebensschützer“ ihren „Weg“ mit Jesu „Kreuzweg nach Golgata“.
Ein zentraler Erfolg ist sicherlich auch die Verhinderung der Kreuzausgabe als eigentlich zentrales Element dieser Märsche.
Nach den Aktionen in Salzburg, Berlin und München, die auch begleitet wurden von vielfältigen Informationsveranstaltungen, wie z.B. zwei gut besuchten Vorträgen in München, lässt sich festhalten, das mit den reakionären Kreisen der „Lebensschützer“ ein weiteres wichtiges Thema auf die Agenda insbesondere der radikalen Linken gesetzt werden konnte. Auch dass das Thema „Schwangerschaftsabbruch“ und „Recht am eigenen Körper“ und in der Linken wieder intensiver diskutiert wird, ist ein Erfolg.
Für München kommt dazu auch noch die Neugründung des „Antisexistischen Aktionsbündnisses“ (asab_m), das die dortige Szene hoffentlich auf lange Zeit bereichern wird.
Und am Ende lässt sich auch festhalten, dass die reaktionär-christlichen Fundis ab jetzt nicht mehr so ungestört wie bisher ihrem Treiben nachgehen können. Dass sich in keinster Weise von den mitmarschierenden Nazis distanziert wurde, ist bezeichnend für die Ideologie der „Lebensschützer“ und noch ein weiterer Grund, regelmäßig gegen diese Kreise vor zu gehen.
Mit Gegenaktionen werden sie in Zukunft immer rechnen müssen.


Und noch Bilder von den Freitagsaktionen:


16 Antworten auf “Chaos-Marsch der „Lebensschützer“”


  1. 1 butch jonny 07. Oktober 2008 um 16:11 Uhr

    glückwunsch! in berlin waren wir leider nicht so erfolgreich!

  1. 1 neue aufkleber für bikepunk089 « im*moment*vorbei Pingback am 05. Oktober 2008 um 23:34 Uhr
  2. 2 “Lebensschützer” « Medium Pingback am 06. Oktober 2008 um 10:24 Uhr
  3. 3 Wir sind keine Jesus-Fans, wir sind Frauen Hooligans! « bikepunk 089 Pingback am 06. Oktober 2008 um 14:49 Uhr
  4. 4 Applaus « mädchenblog Pingback am 06. Oktober 2008 um 22:12 Uhr
  5. 5 trueten.de - Willkommen in unserem Blog! Trackback am 08. Oktober 2008 um 0:49 Uhr
  6. 6 Pervers als Selbstbezeichung? « bikepunk 089 Pingback am 18. November 2008 um 17:09 Uhr
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