Archiv für September 2008

Aktuelles

Vergangenes Wochenende fanden in Berlin vielfältige Aktionen gegen den dortigen 1000-Kreuze-Marsch der „Lebensschützer“ statt.
Kurz darauf wurde in München die Route des 1000-Kreuze-Marsches geändert, so dass sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr an unserer Kundgebung vorbeilaufen werden (Angst?).
Sie starten und enden am jetzt Marienplatz (16 – 18 Uhr).
Unsere Kundgebung findet natürlich weiterhin am Geschwister-Scholl-Platz ab 14 Uhr statt.
Letzte Infos bekommt ihr am Donnerstag ab 20 Uhr im Kafe Marat beim Antifa-Café.

Außerdem ist vor einigen Tagen bei YouTube auch noch ein nettes Video aufgetaucht, das wir euch nicht vorenthalten möchten:

In diesem Sinne: Bleibt kreativ!

“If I can’t abort, it’s not my revolution”

Vortrag und Diskussion mit Judith Götz

27. September 2008 – 20.00 Uhr
Kulturladen Westend, Ligsalzstr. 44

Laut WHO stirbt alle sieben Minuten eine Frau auf Grund der Komplikationen bei illegal durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen. In heutigen (post?-)feministischen Debatten gilt Abtreibung als „old school“ Thema und ist in Zeiten, wo auch der weibliche Körper konstruiert sein soll, aus dem Blickfeld verschwunden. Aktuelle Diskussionen zeigen jedoch, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau alles andere als „Schnee von gestern“ ist. Während in Deutschland ein Arzt einer Abtreibungsklinik nach einem höchstrichterlichen Urteil als „Tötungsspezialist für ungeborene Kinder“ bezeichnet werden darf und die Regierungspartei Liga Polnischer Familien in Polen eine Verfassungsänderung fordert, um Schwangerschaftsabbrüche ohne Ausnahme zu kriminalisieren, haben auch die SandinistInnen in Nicaragua ihren Wahlerfolg der Einführung eines Totalverbots von Abtreibung zu verdanken. Lateinamerikas Gesetze zur Abtreibung gehören zu den härtesten weltweit – in einigen Ländern ist der Schwangerschaftsabbruch nicht einmal im Falle der Lebensgefährdung der Mutter zugelassen. An den Beispielen Nicaragua, Chile, Venezuela und Uruguay zeigt sich, dass auch die vermeintlich „linken“ StaatschefInnen, die „großen Revolutionäre“ Lateinamerikas, daran nichts ändern wollen. Sie werfen ihre vermeintliche Fortschrittlichkeit meist dann über Bord, wenn es um WählerInnenstimmenfang oder „sekundäre Belange“ wie Frauenrechte geht.

Judith Götz veröffentlichte mehrere Texte über die Frauen- und Lesbenbewegung in Lateinamerika sowie lateinamerikanische Abtreibungsgesetze.

Weitere Texte von Judith Götz:
- Gender Issues
- „Haut’s die Juden eini‘!“
- Herrin des Shoppings
- Feminismen in Argentinien

MY BODY – MY CHOICE!

Schwangerschaftsabbruch ist Frauenrecht

Aktionen gegen Abtreibungsgegner_innen

Jeden Tag stehen sie vor einer Klinik im Münchner Westend, in der auch Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden.
Frauen, die dort hinein wollen, werden von ihnen belästigt und eingeschüchtert.
Sich selbst nennen sie geradezu zynisch „Lebensschützer“.

Für Samstag, 4. Oktober 2008, planen diese christlichen Abtreibungsgegner_innen aus ganz Europa im Rahmen eines Kongresses in der Münchner Residenz einen Gebetsmarsch unter dem Motto „Tausend Kreuze für das Leben“ durch München. Am Vorabend bereits steht ein Gottesdienst mit anschließendem Vortrag in St. Maximilian (Auenstr.1) auf dem Programm.

Das Spektrum der „Lebensschützer“ setzt sich aus vorwiegend christlichen Kreisen aller Konfessionen zusammen. Sie organisieren sich in zahlreichen Gruppen, von den Regionalgruppen der „Aktion Leben e.V.“ und „Aktion Lebensrecht für alle“ bis zu den „ChristdemokratInnen für das Leben“. Die katholische Amtskirche und einige evangelischen Landeskirchen sind große Unterstützer dieser Strömung. Der Marsch am 4. Oktober wird organisiert von den im „Lebenszentrum“ in der Westendstr. 78 ansässigen Organisationen „Euro Pro Life“ und „Helfer für Gottes kostbare Kinder Deutschland e.V.“, von wo aus europaweit mit religiöser und völkischer Rhetorik gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren eigenen Körper gehetzt wird.

Die „Lebensschützer“ berufen sich auf die biblische Schöpfungsordnung mit „Adam und Eva“, eine strikt zweigeschlechtliche Ordnung, die Heterosexualität als Norm festsetzt. Dieses am Bibeltext orientierte Weltbild bildet das Fundament ihrer frauenfeindlichen, homophoben und rassistischen Ideologie.

Trotz aller Kämpfe der Frauenbewegung ist die konkrete Realität in kapitalistischen Gesellschaften noch ein Herrschaftsverhältnis von Männern über Frauen. Das äußert sich beispielsweise darin, dass hauptsächlich Männer vorrangige Stellungen in Gesellschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft etc. innehaben.

In der familiären Arbeitsteilung erfüllen Frauen mit Haushalten und Kinderkriegen bzw. -Erziehen vor allem „reproduktive“ Tätigkeiten, währenddessen „produktive“ Tätigkeiten eher von Männern erfüllt werden. So erscheinen Frauen wie Männer nicht als selbständige Individuen, sondern werden mit ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Rolle als Mutter bzw. als Vater zwangsidentifiziert. Somit entspringt die Ideologie der „Lebensschützer“ nicht einzig dem Glauben an Gott und an die biblische Schöpfung, sondern auch der kapitalistischen Realität.

Die reaktionäre Ideologie der „Lebensschützer“ verdeutlicht auch ein Zitat von Kardinal Wyszinski.
Er sagte 1970:

„Die Mutter hat ein Recht am eigenen Körper, aber nicht auf das empfangene Kind, denn dieses gehört schon Gott und der Nation.“

Der Körper der Schwangeren soll also in den Dienst von Gott, Volk und Nation gestellt und das Selbstbestimmungsrecht der Frau nicht anerkannt werden.

Die Abtreibungsgegner_innen behaupten, dass zu wenig Kinder in Deutschland geboren würden – und stellen dem angebliche Zahlen vorgenommener Schwangerschaftsabbrüche entgegen.
Ihnen scheinen vor allem deutsche, christliche Akademiker_innenkinder zu fehlen, denn in völkischer Denkweise sprechen sie vom „Aussterben der Deutschen“. Dies geht einher mit Relativierungen des Holocausts und Verhöhnungen der Opfer des Nationalsozialismus, z. B. durch Wortneuschöpfungen wie „Babycaust“.

Die katholische Zeitung „Kirche und Leben“ des Bistums Münster schrieb zum Beispiel:

„Die Nazis haben ihren Massenmord immerhin noch mit einer Ideologie versehen. Es war nicht kaltherzige Ichsucht, wie etwa heute bei der Abtreibung.
Diese Tötung aus rücksichtsloser Selbstsucht ist darum moralisch niedriger anzusetzen.
Nazis haben sich an unschuldigen Menschen ausgelassen, die weitgehend erwachsen waren und sich gegen das ihnen geschehene Unrecht empören konnten. Bei der Abtreibung (…) ungeborener Kinder, die kein Wort sprechen können (…) [ist] die Charakterlosigkeit noch niedriger anzusetzen als bei den Nationalsozialisten.“

Dass bei solch einer Mischung aus Holocaustrelativierung und rassistischvölkischen Positionen auch lokale Neonazis auf den 1000-Kreuze-Marsch mobilisieren, überrascht da nicht mehr.

Es wäre jedoch falsch, die „Lebensschützer“ als irrelevanten, gesellschaftlich isolierten Teil der extremen Rechten abzutun. Sie sind leider fest in der Gesellschaft verankert und lassen sich nicht nur in Kirchen, sondern u. a. auch in Parteien, Gewerkschaften oder bei Ärzt_innen- und Anwält_innenorganisationen finden. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass ein Schwangerschaftsabbruch in der BRD immer noch rechtswidrig ist und jede Frau, die einen Abbruch vornehmen lassen will, sich einer Zwangsberatung unterziehen muss.

Diese Praxis stempelt Frauen als potentiell verantwortungslos, unwissend und unmündig ab. Ein überall zu beobachtender antifeministischer Rollback macht es den Abtreibungsgegner_innen dabei wieder leichter, ihre frauenfeindlichen Positionen durchzusetzen.

Feministische Kämpfe sind noch lange nicht am Ende angelangt und müssen weitergeführt werden. Wir halten es für wichtig, dass wir uns gemeinsam, laut, kreativ und kraftvoll den „Lebensschützern“ in den Weg stellen und deutlich machen, dass jede Frau immer und überall das Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper hat, das ihr keine_r absprechen kann.
Reaktionäre Ideologien müssen immer und überall bekämpft werden. Und wenn sie sich, wie am 4. Oktober in München, ganz
offen zeigen, dann erst recht.

asab_m
Antisexistisches Aktionsbündnis München

Infoveranstaltung
Samstag, 27. September 2008 – 20.00 Uhr
Kulturladen Westend, Ligsalzstr. 44

Kundgebung
gegen den Tausend-Kreuze-Marsch
Samstag, 4. Oktober 2008 – 14.00 Uhr
Geschwister-Scholl-Platz

Party des Queer-Kafes
nach den antisexistischen Aktionen
Samstag, 4. Oktober 2008 – 20.00 Uhr
Kafe Marat, Thalkirchnerstr. 104/II

Anmerkung: Wenn wir in diesem Kontext von Frauen sprechen, beziehen wir uns auf die brüchige Kategorie eines „biologischen“ „Geschlechts“. Männer oder Frauen werden nicht als solche geboren, sondern die sozialen Geschlechterrollen (gender) mit ihren je spezifischen Eigenschaften werden Menschen erst im Zuge der Sozialisation auferlegt.

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